Der Dichter und die Nackedeis |
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Die Öffentlichkeitsarbeit der Deggendorfer FachhochschuleDeggendorf. 82 Minuten lang war Wolf Biermann, der Liedermacher und Dichter, auf dem gelben Sofa des improvisierten Studenten-Fernsehstudios in einer alten Werkshalle gleich hinter dem Deggendorfer TÜV gesessen. Eine Art Vorlesung über die Wechselbäder seines Lebens hatte er vor fünf Kameras und gut 100 Studiogästen gegeben, zwei Lieder gesungen, seinen alten Freund getroffen, der Gitarren baut, und einem zutiefst gerührten Alt-68er Zahnarzt Autogramme auf Schallplatten geschrieben. Wolf Biermanns Auftritt in Deggendorf hatte zwei besondere Noten: Zum einen war er als Gast des Internet-Fernsehsenders gekommen, den Studierende der örtlichen Fachhochschule unter dem Namen "Doschauhertv" betreiben. Und darüber hinaus erzählte er aus einer Zeit seines Lebens, die sogar in gut ausgestatteten Personenarchiven nicht erwähnt wird: Als Kind, so um die sieben Jahre alt, war er mit seiner Mutter zwischen 1943 und 1945 nach Deggendorf ausquartiert worden, weil daheim in Hamburg die Wohnung der Familie unter Phosphorbomben der alliierten Luftstreitkräfte in Schutt und Asche gefallen war. Stefan und Hans, die jungen Moderatoren vom FH-Fachbereich Medientechnik, die Biermann für ihr Internet-TV befragten, waren beeindruckt: Der Gast zitierte Heine und Goethe, erzählte von seinem Leben "als Kommunistenkind", vom jüdischen Vater, einem Werftarbeiter, der 1943 in Auschwitz ermordet wurde - und von seiner späteren Erkenntnis, dass der kommunistische "Versuch, das Paradies auf die Erde zu zwingen, uns in die schlimmsten Höllen geführt hat". Neben Biermanns Auftritt verblüffte der Einblick in die Vielseitigkeit der 3000 Deggendorfer Studenten: Die betreiben nicht nur ihren Internet-Fernsehsender - sie bauen Kanus aus Beton und Laser-Messgeräte, die bis zum Mond reichen. Und manche von ihnen lassen sich weitgehend bis völlig unbekleidet für ein studentisches Kalender-Projekt fotografieren, mit wohlwollender Begleitung der FH-Leitung. Am Abend, als Biermann auftrat, verkauften Studenten den Kalender am Eingang zum Studio. Inzwischen liegt die vierte Kalender-Ausgabe vor, in doppelter Ausfertigung, getrennt nach jungen Damen und Herren, zum Stückpreis von 15 Euro bestellbar übes Internet (www.students-inside.de). Die FH will das Programm mit Prominenten
fortsetzen, die persönliche Bindungen an die niederbayerische Kreisstadt
haben. Aufs gelbe Interviewsofa sollen gebeten werden: Der Filmemacher
Herbert Achternbusch, der Filmproduzent Bernd Eichinger und der BAP-Sänger
Wolfgang Niedeken.
Süddeutsche Zeitung vom 31. Oktober 2005
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