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Hochschulpresse: Pressearchiv 2004

Zu mehr Fortbildungsbereitschaft aufgerufen

Professor Dr. Thomas Bartscher referierte auf Einladung der Aktionsgemeinschaft im Bürgerspital

Plattling (lyk) Auf Einladung der "Aktionsgemeinschaft-Plattling" konnte der erste Vorsitzende Rolf Seligmann am Mittwochabend Professor Dr. Thomas Bartscher von der FH Deggendorf zu einem Vortrag mit dem Titel "Der Einfluss der Globalisierung auf den Arbeitsmarkt?!" begrüßen. Trotz des brennend aktuellen Themas kamen nur wenige Besucher und niemand aus dem Personenkreis, den es anging.

Dimensioniert war die Veranstaltung im Plattlinger Bürgerspital auf eine große Anzahl von Besuchern aus der Arbeitnehmerschaft. Gekommen waren aber nur Amtsträger, wie die Stadträte Franz Geisberger, Georg Hackl, Herbert Petrilak-Weißfeld und Reinhold Leuschner sowie einige Unternehmerinnen, darunter auch Maria Wagner als Mitglied der Plattlinger Kolpingsfamilie.

Was Professor Dr. Bartscher zu sagen hatte, ließ am Ende der Veranstaltung ein teilweise fast verstörtes Publikum zurück, weil der Wirtschaftsfachmann ökonomische wie politische Entwicklungen für die kommenden 20 bis 30 Jahre prognostizierte, die kein maßgeblicher Politiker, egal von welcher Partei, auszusprechen wagt. Bartscher sagte am Ende seines Vortrages "Wenn wir in 20 Jahren immer noch vier Millionen Arbeitslose haben, die wir auch versorgen können, dann haben wir gut gearbeitet." Stadtrat Herbert Petrilak-Weißfeld nannte das Ergebnis dieser ungebremsten Entwicklung der Globalisierung "Manchester-Kapitalismus". Professor Dr. Thomas Bartscher, der als Managementberater und Trainer neben seiner Hochschullehrtätigkeit arbeitet, ist auch Verfasser zahlreicher Artikel und Bücher mit dem Schwerpunkt Personal- und Organisationsentwicklung. Weiter hat er zusammen mit dem Bayerischern Fernsehen, br-alpha, 25 Sendungen zum Thema "Human-Resources-Management, Organisationslehre und Unternehmensführung" produziert.

Der Referent begann seinen Vortrag mit der speziellen Situation in Niederbayern und da im Besonderen mit den Grenzregionen zur Tschechischen Republik. Dabei wies er darauf hin, dass seit fünf Jahren bekannt ist, dass es einen 1. Mai 2004 geben wird. "Doch jetzt erst erschrecken sich Unternehmer", meinte der Professor und führte als ein seltenes Beispiel einen aus der Unternehmerschaft an, der ohne jammern bekundet hatte: Ich suche jetzt die Chancen, die sich da bieten werden. Auf die Leinwand projiziert hatte Bartscher den Kernsatz eines Interviews mit dem Präsidenten der DIHK, Ludwig Georg Braun, der am 22. März dieses Jahres gesagt hatte: "Die Globalisierung muss in die Köpfe der Menschen einziehen." Im Hinblick auf den leeren Saal des Bürgerspitals erweiterte Bartscher diesen Satz, indem er feststellte: "Die Menschen sind erst dann bereit umzudenken, wenn ihnen das Wasser nicht am Halse, sondern bereits über die Lippen steht." Dann gab es knallharte Zahlen und Analysen. Auf die hiesigen Ängste der Bevölkerung vor der Grenzeröffnung am 1. Mai mit allen wirtschaftlichen Konsequenzen eingehend, gab Professor Dr. Bartscher einen Rückblick für diejenigen, die der Abschottung das Wort reden würden.

"Was war vor 35 und 40 Jahren? Da hatten wir die Abschottung", so Bartscher, "da hatten wir aber auch jeden Winter 30 bis 40 Prozent Arbeitslose in der Region. Eine erneute Abschottung würde alles noch viel schlimmer machen." Der Professor sagte den Anwesenden nicht nur klar, dass sich selbst jetzt noch viele Länder wünschten, wenn sie nur unsere Probleme hätten, sondern auch, sollten wir zur Globalisierung "Nein danke" sagen, dass sofort andere Staaten in diese Lücke stoßen würden und wir abgehängt seien. Die bereits jetzt praktizierte Globalisierung bei den Finanzmärkten beschrieb Bartscher mit täglichen Transaktionen von unvorstellbaren zwei Billionen Euro, die weltweit ständig auf der Suche nach Spitzenrenditen seien. "Dieses Finanzvolumen", so der Wirtschaftsfachmann, "übertrifft den Wert der Warenströme und Direktinvestitionen um ein Vielfaches."

Umstrukturierung

Der Professor stellte dann die durch den internationalen Druck erforderliche Umstrukturierung der deutschen Wirtschaft dar, die bereits im vollen Gange sei. Bezogen auf die Leistungen der Generationen hin, die unseren Wohlstand geschaffen haben, bemerkte Bartscher bedauernd, dass es leider keine Naturgesetzlichkeit gebe, wovon man einen Daueranspruch auf einen solch hohen Lebensstandard ableiten könne. "Von dem Luxus bei einer niedrigen Arbeitszeit Höchstlöhne kassieren zu können, müssen wir uns endgültig verabschieden", stellte der Referent fest.
Der Deggendorfer FH-Professor sagte eine steigende Arbeitslosigkeit bei den Geringqualifizierten voraus, und langfristig auch eine Absenkung aller Sozial- und Rentenleistungen um 40 Prozent. "Nur auf diesem Niveau ist der uns heute noch geläufige Sozialstaat in etwa zu halten", meinte der Gastredner.
Stadtrat Reinhold Leuschner wollte wissen, da nicht jeder hochqualifiziert sein könne, wer dann noch alles kaufen und bezahlen soll. "Da sind doch breiteste Bevölkerungsschichten davon betroffen, wenn es in Zukunft wieder Tagelöhner geben soll, die nur ihre Sozialhilfe aufbessern können." Bartscher sagte klipp und klar: "Das heutige Ausgabenniveau wird sich nicht halten lassen. In 20 Jahren werden wir wieder über Altersarmut reden müssen."

Rationierungsprozess

"In Deutschland", so Bartscher weiter, "wird es einen fortschreitenden Rationalisierungsprozess geben, der die Unternehmen zwingt, nur noch ein Kernpersonal fest zu beschäftigen. Alles andere wird durch die Scheinselbstständigen, die jedoch ebenfalls hoch qualifiziert sein müssen, je nach Auftragslage erledigt." Selbst die Dauer eines festen Arbeitsplatzes von Hochqualifizierten wurde vom Referenten mit höchstens zehn Jahren festgelegt.
Weiter räumte der FH-Professor damit auf, dass es auch in Zukunft noch heimattreue Unternehmen geben werde. "Die Wertschöpfung wird flüchtiger", so Bartscher. "Das nennt man flexiblen Kapitalismus. Im Heimatland erwirtschaftetes Kapital wird nicht mehr automatisch innerhalb der nationalen Grenzen reinvestiert und für die Schaffung neuer Arbeitsplätze im Inland eingesetzt. Das wird selbst dann nicht der Fall sein, wenn vorher die Gemeinden in Gewerbegebieten nicht nur für die passende Infrastruktur aufkamen, sondern auch noch steuerliche Vorteile gewährt hatten."
Professor Dr. Bartscher stellte anhand der sich abzeichnenden Entwicklungen aber auch dar, dass er den allgemeinen Pessimismus, mit dem die Globalisierung begleitet wird, nicht teilen kann. Dazu führte er unter anderem aus, dass die Firmen nicht nur den niedrigsten Lohnstandorten nachjagen, sondern auch in klarer Kalkulation Löhne in Relation zu Qualifikationen und Produktivität setzen würden. Das Gleiche gelte für Sozialleistungen, Steuern und staatliche Regulierungen, wo Ordnung, Stabilität, Sicherheit und die Qualität der Infrastruktur gegeben seien. Da habe Deutschland noch einen entscheidenen Standortvorteil, meinte der Wirtschaftsexperte.

Mehr Fortbildung

Professor Dr. Bartscher rief die Arbeitnehmer zu mehr Fortbildungsbereitschaft auf und empfahl, je nach Größenordnung, hiesigen Unternehmen sich verlässliche Partner in den neuen EU-Mitgliedsländern zu suchen. "Dadurch kann man lohnintensive Produktionsbereiche auslagern und durch eine kostengünstigere Mischkalkulation billiger anbieten", erklärte Bartscher. Ein großes Lob gab es für die bayerische Wirtschaft, die sich frühzeitig auf die kommenden Entwicklungen eingestellt habe, bemerkte der Referent zum Schluss. Sie habe seit 1993 ihren Export in die mittel- und osteuropäischen Reformstaaten verdreifachen können.
Nach dem offiziellen Teil der Rede gab es noch viele Fragen an den Referenten, die sich aus den unterschiedlichsten Meinungen der Anwesenden ableiteten.

 

Plattlinger Anzeiger, Ostern 2004

 

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