| Dr.
Wolfgang Stofer
Leiter Finanzen, Bilanzen,
Steuern
der Bayerischen Motoren Werke AG, München
Festvortrag an der Fachhochschule Deggendorf anläßlich des
Dies Academicus 2003
Meine Damen und Herren,
herzlich willkommen auch von meiner Seite. Ich freue mich sehr, hier und
heute zu Ihnen zu sprechen.
Die Frage, was macht ein internationales Unternehmen erfolgreich, werde
ich in drei Schritten beantworten - wobei ich davon überzeugt bin,
dass die folgenden Überlegungen in gewissem Sinne auch auf andere Organisationen
übertragbar sind.
Der erste Schritt für langfristigen Erfolg besteht darin, dass ein
Unternehmen seine Strategie aus seinen eigenen Stärken heraus entwickeln
muss. Dazu muss sich ein Unternehmen meiner Ansicht nach grundsätzlich
darüber bewusst sein, dass es nicht alles gleich gut kann. Ein Unternehmen,
das versucht, alles gleich gut zu können, wird seine wirklichen Stärken
nicht voll ausspielen können.
Aus eigener Erfahrung kann
ich Ihnen dazu ein Beispiel aus der Automobilindustrie geben: In unserer
Branche haben wir es prinzipiell mit Massensegmenten auf der einen und
mit Premiumsegmenten auf der anderen Seite zu tun. Der Unterschied besteht
darin, dass bei Massensegmenten der Wettbewerb primär über den
Preis stattfindet, während in den Premiumsegmenten vor allem die
Produktsubstanz wettbewerbsentscheidend ist.
Es kommt nun gar nicht so sehr darauf an, ob man sich als Unternehmen
der Automobilindustrie auf Premiumsegmente oder auf Massensegmente konzentriert.
Beide Zielrichtungen können grundsätzlich ein lukratives Betätigungsfeld
darstellen. Fakt ist nur, dass man sich auf die Segmente fokussieren sollte,
in denen man seine Stärken ausspielen kann.
In der Automobilbranche ist
es so, dass Premiumgeschäft auf der einen und Massengeschäft
auf der anderen Seite bezüglich der notwendigen Strukturen und Prozesse
weniger Gemeinsamkeiten haben, als allgemein angenommen wird.
Deshalb können sich Unternehmen,
die sich beispielsweise sowohl im Premium- als auch im Massengeschäft
betätigen, nicht auf eine Stoßrichtung konzentrieren, sondern
müssen
zwei unterschiedliche Konzepte unter einen Hut bringen. Die dabei erhofften
Synergien sind sehr oft Kompromisse, die letztlich verhindern, dass das
Unternehmen die Premium- oder die Massensegmente optimal bedienen kann.
Im harten Konkurrenzkampf der Automobilbranche ist dies gegenüber
stärker fokussierten Wettbewerbern auf Dauer ein nicht unerheblicher
Nachteil.
Ein wichtiges Fokussierungsmerkmal
ist im übrigen die Marke. Je stärker die Marke, desto größer
ist der Wettbewerbsvorteil - gerade im internationalen Geschäft.
Eine Marke ist schlicht und einfach ein Versprechen. Nicht mehr und nicht
weniger. Eine Marke ist das Versprechen, dass das angebotene Produkt oder
Dienstleistung bestimmte Kriterien wie zum Beispiel Qualität und
Design erfüllt - und das jederzeit und weltweit.
Ein Etikett oder ein Logo dagegen
ist noch lange keine Marke. Denn: Eine Marke braucht Tradition, Glaubwürdigkeit
und Substanz. Die Einzigartigkeit einer Marke resultiert dabei aus der
Kombination von Werten und aus der Konsequenz wie sie zustande kommen
und verwirklicht werden.
Was hinsichtlich Fokussierung
für die Automobilindustrie gilt, lässt sich auch auf andere
Branchen übertragen. Es ist ein Ergebnis der fortschreitenden Globalisierung,
dass in nahezu allen Branchen Differenzierung bzw. Spezialisierung zu
einem stärkeren Wettbewerbsfaktor werden - Marken sind dabei ein
wesentlicher Erfolgsfaktor und ein wesentliches Differenzierungsmerkmal.
Wer sich nicht auf seine Stärken fokussiert, hat es zunehmend schwerer
gegenüber Spezialisten, die genau das tun.
Dabei muss sich jedes Unternehmen
darüber im klaren sein, dass Stärken nicht beliebig wählbar
sind. Sicherlich können Unternehmen sich über einen gewissen
Zeitraum verändern. Aber Unternehmen haben auch eine eigene, spezielle
Identität, die sie nicht verleugnen und auch nicht über Nacht
austauschen können.
Es gibt dabei verschiedene
Faktoren, die die Identität eines Unternehmens bestimmen und eine
Art Korridor vorgeben, in dem es besonders erfolgreich agieren kann. Hier
geht es beispielsweise um:
- spezielle Strukturen, die
über einen längeren Zeitraum gewachsen sind,
- besondere Prozesse, die
die Abläufe innerhalb des Unternehmens prägen,
- konkrete Geschäftserfahrung,
die ein Unternehmen über viele Jahre gewinnt
- und natürlich auch
Mitarbeiterinnen und. Mitarbeiter, die eine bestimmte Unternehmenskultur
prägen.
So entstehen die inhärenten
Stärken eines Unternehmens. Und die Strategien, die Unternehmen verfolgen,
müssen sich genau aus diesen inhärenten Stärken der Unternehmen
ableiten.
Meine Damen und Herren,
ich bin der Ansicht, dass die
meisten Unternehmen heute durchaus wissen, dass es diese Notwendigkeit
zur Fokussierung gibt. Ich bin auch davon überzeugt, dass die meisten
Unternehmen wissen, wo ihre Stärken liegen.
Die große Herausforderung
liegt allerdings darin, daraus die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.
Es geht konkret um die Umsetzung der Stärken in die richtige Strategie.
Das ist der zweite Schritt zum Erfolg, auf den ich nun genauer eingehen
möchte.
Jedes Unternehmen muss nicht
nur erkennen, wo seine Stärken liegen, es muss seine Strategie auch
konsequent auf diese Stärken ausrichten. Mit anderen Worten: Eine
schonungslose Eigenanalyse ist dann etwas wert, wenn sie auch zu einer
konsequenten Umsetzung führt.
In diesem Zusammenhang geht
es zum Beispiel um:
- die Produkte, mit denen
man im Wettbewerb steht,
- die Märkte, auf denen
man aktiv ist
- die notwendigen Produktionsstrukturen
und Prozesse,
- und die Mitarbeiter, die
all dies umsetzen.
Alle diese Faktoren müssen
von Unternehmen langfristig angelegt und aufgebaut werden.
Auch hier kann das Beispiel
Automobilindustrie angeführt werden: Gerade in unserer Branche müssen
wir gewissermaßen in langfristig angelegten Handlungskorridoren
agieren.
Stichwort Produkte: Man kann
ein Automobil nicht über Nacht entwickeln. Und man produziert auch
nicht Automobile dafür, dass sie nur für kurze Zeit auf dem
Markt sind. Die meisten Hersteller beginnen mit der Entwicklung eines
Produktes genau zu dem Zeitpunkt, wenn das Vorgängermodell auf den
Markt kommt. Und Sie können heute bei Modellen von einem Produkt-Lebenszyklus
von ungefähr sieben Jahren ausgehen.
Stichwort Märkte: Unternehmen
kommen irgendwann an den Punkt, an dem sie sich entscheiden müssen,
ob sie einen Markt nur von außen beliefern oder dort vor Ort präsent
werden. Dabei müssen sie sich darüber im klaren sein, dass man
neue Märkte nicht von heute auf morgen erfolgreich erschließen
kann.
Stichwort Produktionsstrukturen
und Prozesse: Unternehmen müssen beispielsweise lange im Vorfeld
planen, wo sie wie viele Automobile produzieren wollen. Natürlich
kann man dabei seine Strukturen sehr flexibel gestalten. Nur: Unternehmen
können ihre Produktionskapazitäten nicht ad hoc verdoppeln oder
problemlos halbieren. Denken Sie in diesem Zusammenhang allein daran,
wie lange es dauert, ein neues Werk aufzubauen und welche Investitionen
damit verbunden sind.
Stichwort Mitarbeiter: Sie
sind das Know-how des Unternehmens. Erst das besondere Wissen und die
speziellen Erfahrungen der Mitarbeiter machen es möglich, einzigartige
Produkte zu entwickeln, herzustellen und zu vertreiben. Diese Ressourcen
gilt es, langfristig sicherzustellen.
Dies alles gilt für Premium-
ebenso wie für Massenhersteller. Aber vorab muss sich jeder Hersteller
eben im klaren darüber sein, welchen Weg er einschlagen will. Ein
Wechsel gleichsam über Nacht ist nicht möglich. Wenn ein Unternehmen
erkennt, welche Strategie die richtige ist, muss es konsequent darauf
ausrichten und langfristig daran festhalten.
Meine Damen und Herren,
selbst wenn ein Unternehmen seine Stärken kennt und sie in der richtigen
Strategie umsetzt, besteht die Gefahr, dass langfristige Strategien aufgrund
kurzfristiger Modetrends oder konjunkturellen Schwankungen in Frage gestellt
werden. Um diesen Aspekt geht es in meinem dritten Schritt.
Gerade weil alle grundsätzlichen
unternehmerischen Entscheidungen langfristig angelegt sind, dürfen
Unternehmen ihre Strategie nicht immer wieder in Frage stellen, wenn sie
davon überzeugt sind, dass der eingeschlagene Weg auf den eigenen
Stärken basiert und langfristig zum Erfolg führt.
Jedes Unternehmen muss differenzieren
zwischen langanhaltenden grundsätzlichen Veränderungen und kurzfristigen
Modetrends.
Langanhaltende Veränderungen machen strategische Anpassungen notwendig.
Wenn beispielsweise Unternehmen
der Automobilindustrie davon ausgehen müssen, dass in einigen Jahrzehnten
kein Erdöl mehr zur Verfügung steht, wäre es fahrlässig,
sich darauf nicht vorzubereiten. Das ist der Grund, warum heute bereits
einige Unternehmen an Lösungen für den alternativen Antrieb
von morgen arbeiten. Stichworte sind hier die Brennstoffzelle oder der
Wasserstoff-Verbrennungsmotor.
Ganz anders sieht die Situation
bei kurzfristigen Modetrends aus. Hier bleibt es jedem Unternehmen überlassen,
ob und wenn ja, in welcher Intensität es sich darauf einlässt.
Modetrends zu folgen, kann
wichtig sein, wenn es darum geht, die Wünsche der Kunden optimal
zu erfüllen. Dennoch muss jedes Unternehmen wissen, wo es hier die
Grenzen zieht. Auf j keinen Fall darf das Aufgreifen von Modetrends dazu
führen, dass die grundsätzliche Strategie eines Unternehmens
verwässert oder sogar gänzlich in Frage gestellt wird. Die Frage
nach der richtigen Strategie muss stets unabhängig von Modetrends
erfolgen.
Und sie muss auch unabhängig
davon erfolgen, ob wir uns nun gerade in sicheren oder unsicheren Zeiten
befinden. Die Strategie eines Unternehmens kann grundsätzlich richtig
oder falsch sein. Sie kann aber nicht heute richtig und morgen falsch
sein, nur weil sich über Nacht die konjunkturellen Rahmenbedingungen
geändert haben.
Unsichere, schwierige Zeiten
erhöhen zwar immer den Druck, über grundsätzliche strategische
Fragestellungen nachzudenken. Aber es darf für Unternehmen im Grunde
weniger eine Rolle spielen, ob wir uns in sicheren oder unsicheren Zeiten
befinden. Stattdessen ist vielmehr entscheidend, ob Unternehmen sich grundsätzlich
auf ihre inhärenten Stärken fokussiert haben und ob sie langfristig
die für sie richtige Strategie verfolgen.
Unternehmen müssen prinzipiell
einkalkulieren, dass es eine "sichere" Zukunft nicht gibt. Man
kann die Zukunft nicht im Detail vorhersehen. Aber Unternehmen haben die
Aufgabe, sich antizipativ auf das vorzubereiten, was sie erwarten.
Es geht dabei darum, vorausschauend
zu handeln. Man muss einen Blick für Situationen haben und diese
in den Gesamtzusammenhang einordnen können. Dazu muss man natürlich
auch adaptiv sein. Das bedeutet in diesem Zusammenhang Lernbereitschaft
und Lernfähigkeit - um das Lernen von anderen, aber auch um das Lernen
aus eigenen Erfahrungen. Und letztlich geht es in diesem Zusammenhang
auch darum, agil zu sein - das heißt, im Sinne von Beweglichkeit
und Veränderungsbereitschaft, für sich als richtig Erkanntes
und Gelerntes entschlossen und konsequent in die Tat umzusetzen.
Diejenigen Unternehmen, die
so vorgehen, sind zwar auch von einem schwierigen Umfeld betroffen. Der
Erfolg dieser Unternehmen wird sich jedoch höchstens abschwächen,
grundsätzlich in Frage gestellt wird er nicht. Unternehmen, deren
Strategien auf ihren inhärenten Stärken basieren, bleiben gerade
auch in unsicheren Zeiten - die wir heute erleben - erfolgreich.
Das gilt in besonderem Maße
auch für international ausgerichtete Unternehmen, die weltweit dem
Wettbewerb ausgesetzt sind - im Extremfall in allen, also über 190
Ländern der Welt. Ein international erfolgreiches Unternehmen weiß
nicht nur, wofür es steht und was es am besten kann. Ein international
erfolgreiches Unternehmen handelt strategisch immer genau danach. Hinzu
kommt: Dieses Unternehmen wird immer optimistisch in die Zukunft blicken.
Meine Damen und Herren,
ich habe heute zu Ihnen als Vertreter der BMW Group
gesprochen. Lassen Sie mich am Schluss noch einige Worte aus der Perspektive
sozusagen eines "Kollegen" sagen, der vor 30 Jahren in der gleichen
Situation war wie Sie heute: Mit dem Examenszeugnis in der Hand in das
Berufsleben entlassen zu werden.
Vor dem Hintergrund meiner
Ausführungen darf ich Ihnen sagen, dass die Dinge, die ein Unternehmen
erfolgreich machen gleichermaßen auch für den persönlichen,
Ihren persönlichen und beruflichen Erfolg ausschlaggebend sein werden:
- Erkennen Sie Ihre eigenen
Stärken und richten Sie Ihre weitere Vorgehensweise, Ihre Strategie
danach aus.
- Lassen Sie sich gerade auch
durch kurzfristige Einflüsse nicht von Ihrem langfristigen Kurs
abbringen, wenn Sie davon überzeugt sind, dass der eingeschlagene
Weg auf Ihren eigenen Stärken beruht.
Meine Damen und Herren, ich
danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen alles
Gute für Ihre Zukunft.
Eigener Bericht, vom 25. November
2003
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